Es war wieder einer dieser Tage im Büro gewesen, an denen ich schlecht gelaunt die (weite) Heimfahrt antrat. Fünfzig Minuten Autofahrt lagen vor mir, bestenfalls, sollte um Hamburg herum kein Stau sein. Dass nervte mich seit geraumer Zeit, genauso wie die stupide Arbeit im Büro. Mir fehlte die Kreativität, die Verbindlichkeit und vor allem, das Gefühl etwas Sinnvolles an meinem Arbeitstag getan zu haben. Ich würde es gerade so pünktlich zu meiner Selbsthilfegruppe schaffen, die ich ehrenamtlich zusammen mit der ansässigen Schreibabyambulanz (SBA) gegründet hatte. Hier trafen sich Eltern, deren Kinder Ein-und Durchschlafprobleme nach dem 1. Lebensjahr aufwiesen. Ich selbst hatte hier mit meiner Erstgeborenen viereinhalb Jahre massive Herausforderungen.
Ich wollte anderen Eltern Mut machen und Ihnen eine Stütze sein.
Nun wollte ich anderen Eltern Mut machen und Ihnen eine Stütze sein und die Treffen machten mir großen Spaß. In diese Richtung wollte ich beruflich gehen, Mütter und deren Familien unterstützen, allerdings wusste ich zuerst nicht wie. Ich wollte schließlich keine Erzieherin werden und die Ausbildung zur Hebamme passte einfach vom Umfang nicht mehr in mein aktuelles Leben. Ich sprach in den nächsten Tagen mit der Leiterin der SBA Stormarn und sie sagte auf meine Frage hin, ob sie denn nicht eine Idee hätte, wie ich mich entsprechend weiterbilden könnte, um Frauen zu unterstützen, dass sie da eine Idee hätte. Ich könnte Mütterpflegerin werden, eine recht neue Weiterbildung, die man da machen könne. Ich hatte davon noch nie etwas gehört und fing abends direkt an zu recherchieren. Frauen in der Schwangerschaft, im Wochenbett und darüber hinaus zu begleiten, die Familien zu Hause unterstützen und endlich selbstständig sein? Das war es! Ich informierte mich bei der GFG- Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit und wollte gerne zu einem Orientierungstag fahren.
Es passte einfach alles. Ich koche liebend gerne und versorge und umsorge andere Menschen.
Hier würde ich alles über Voraussetzungen und Abläufe erfahren und könnte mich am Ende entscheiden, ob ich die Weiterbildung beginnen wollte. Ich war schon voller Vorfreude, insgeheim dachte ich, dass ich keine Bestätigung mehr brauchte. Es passte einfach alles. Ich koche liebend gerne und versorge und umsorge andere Menschen. Höre gerne zu und bin, durch meine eigene Entwicklung von der Frau zur Mutter geprägt. Ich hatte bei keinem meiner beiden Kinder ein Wochenbett. Wir waren über 500Km von unseren Eltern, Geschwistern und Verwandten entfernt und neu zugezogen. Hinzu kam meine damalige Einstellung, alles allein schaffen zu müssen, stark zu sein- alle anderen Mütter kriegten das ja auch hin. Rückblickend war ich nur noch müde, erschöpft und ausgelaugt und hätte selbst sehr gut eine Mütterpflegerin brauchen können. Ich möchte anderen Frauen nun das endlich gewähren, was mir verwehrt blieb- ein kuscheliges Wochenbett, eine regelmäßige Dusche, ein liebevoll zubereitetes und warmes Mittagessen. Einen Gesprächspartner zu haben, der all´ das selbst erlebt hat, dieses Wechselbad der Gefühle. Diese große Liebe die auf einmal da ist und diese unglaubliche Last der Verantwortung und Erschöpfung. Jemanden, der einfach da ist, wenn es brennt. Der das Baby nimmt, wenn es schreit, wenn die Nacht wieder hart war. Eine Begleitung zu Terminen, zu denen die Autofahrt mit Baby und Kleinkind eine Weltreise zu sein scheint. Nicht zu vergessen, in Ruhe die Toilette zu besuchen. Eine Mütterpflegerin, die mich in meiner Muttertät bestärkt und mit viel Einfühlungsvermögen für mich da ist und ein großes Netzwerk hat. Und einfach auch mal einkaufen geht und mit dem Geschwisterkind spielt, nachdem sie mir ein Bad eingelassen hat.
Nun hatte ich eine Wende in dieser aktuellen Zeit nicht bedacht. Am nächsten Tag musste ich meine Kinder verfrüht aus der Kita abholen-Lockdown! Ist das wirklich wahr?!
Es würde noch 2 Jahre dauern, bis ich zum O-Tag fahren würde. Denn Homeoffice für meinen Mann und mich mit zwei Kleinkindern inklusive Kitaschließung ließen mich an eine nebenberufliche Weiterbildung nicht mehr denken…
Im Januar 2022 fasste ich neuen Mut und meldete mich zum Orientierungstag in Köln zur Familienbegleiterin an. Ich hatte gelesen, dass man hier unterschiedliche Module mitbesuchen konnte wie Geburtsvorbereitung oder Mütterpflege.
Auch die Weiterbildung würde für mich in Köln starten. Das näher liegende Berlin hatte leider nun schon begonnen, aber ich wollte nicht noch ein Jahr warten. Ich dachte, wenn ich das nach dem Orientierungstag wirklich immer noch unbedingt will, dann wird es Köln werden, auch wenn es anstrengend wird.
Was soll ich sagen, natürlich habe ich mich für die Weiterbildung entschieden. Der erste Schritt in eine berufliche Veränderung. Einen Neuanfang. Meine Selbstverwirklichung. Das Wissen, welches wir hier vermittelt bekommen ist unglaublich wertvoll. Nicht nur Fachwissen, sondern auch Gesprächsführung und Reflektion der eigenen Geschichte. Rollenspiele, Situationen aus dem Alltag. Aufbau der Selbstständigkeit, Tipps und Tricks. Natürlich gibt es neben der GFG auf noch andere Ausbildungsinstitute wie die Babycoach-Akademie oder Dr. Weckmann.
Mit dem Voranschreiten der Weiterbildung kommen dann natürlich die Gedanken, wie man nun das Ganze als Selbstständigkeit aufbaut. Zweifel kommen auf- schaffe ich das wirklich? Kommen genug Aufträge rein? Kann man damit Geld verdienen? Soll ich meine sichere Anstellung aufgeben?
Die Entscheidung für den nächsten Schritt kam recht schnell. Ich würde es versuchen. Und wenn es nicht klappt, habe ich es wenigstens versucht. In mir hatte ich trotz der Unsicherheit auch immer wieder diese kleine Stimme, die sagt, wenn du etwas mit voller Überzeugung, Leidenschaft und Freude machst, wird es gut werden. Seit 02. Januar diesen Jahres arbeite ich als Mütterpflegerin und gebe Babymassage und Babykurse.
Rückblickend kann ich sagen, dass das kalte Wasser mein persönlich bester Weg war. Ich hätte es nicht unter einen Hut gebracht, Mütterpflege nebenberuflich zu machen. Nicht, für die Teilzeit Stunden, die ich arbeiten möchte. Trotzdem gibt es sicher für jeden eine individuelle Lösung und einen Weg gibt es immer! Ich bin meinen Ausbilderinnen sehr dankbar, da sie für jegliche Themen immer ansprechbar waren und sind. Schließlich gibt es eben viele Fragen, z.B. welches Unternehmen Gründe ich? Was kann ich denn verdienen? Welche rechtlichen Dinge muss ich beachten? Wie versichere ich mich? Und, und und. Eine gute Orga ist sicher von Vorteil. Genauso wie ein kleines finanzielles Polster, wenn man eine Zeit ohne Aufträge überbrücken muss. Meine große Angst von fehlenden Aufträgen hat sich nicht bestätigt. Ich habe halbtags eher zu wenig Kapazitäten und musste schon einige Aufträge ablehnen. Da bin ich immer bemüht, diese weiterzuvermitteln und ins Netzwerk zu geben. Die Vernetzung sehe ich als das A und O. Sei es mit Kolleginnen oder Institutionen. Das mich-bekannt-machen war eine aufwendige Sache, die sich aber sehr ausgezahlt hat, bisher.
Seit ich Mütterpflegerin sein darf, habe ich morgens nicht mehr das Gefühl „zur Arbeit zu müssen“.
Die ganze Arbeit hat sich gelohnt. Seit ich Mütterpflegerin sein darf, habe ich morgens nicht mehr das Gefühl „zur Arbeit zu müssen“. Es ist einfach leicht, weil ich gerne tue, was ich tue. Aktuell arbeite ich noch in Ausbildung, im Dezember werde ich die Weiterbildung abschließen.
Ich möchte hiermit nun alle Anwärterinnen bestärken, die noch überlegen, ob sie es wirklich wagen sollen. Geht in euch, hört auf euer Herz und wenn es ja sagt, dann wird es gut. Wir freuen uns über jede neue Kollegin, damit in Zukunft hoffentlich jede Mama eine Mütterpflegerin haben kann.
Herzlichst, eure Melanie
Informationen zur Autorin

Mein Name ist Melanie Eiche und ich lebe mit meinem Mann und meinen beiden Kindern in der Nähe von Lübeck.
Ich liebe Sonnenbaden, Yoga, lange Spaziergänge mit meinem Hund, Kaffee trinken, Kerzen, gute Bücher und schreibe gerne.